Radtour durch Amsterdam

Viele der schmucken Grachtenhäuser sind ein wenig nach vorn geneigt: Op Vlucht nennt sich dieses besondere Baumerkmal.

Rauf aufs Fahrrad, um die Stadt zu erkunden: Auf Yeti geht’s durch die Straßen von Amsterdam, vorbei an Grachten, Coffee-Shops und taumelnden Touristen.

Die Menschen, die durch die Straßen streifen, sie gucken nicht auf den Boden – sie müssen stets auf Radfahrer achten. Jeder gute und schlechte Reiseführer weiß zu berichten, dass es in Amsterdam mehr Fahrräder als Autos gibt. Mehr als die Hälfte der Bewohner pendelt mit dem Rad zur Arbeit, und tatsächlich fahren hier alle mit dem Rad, transportieren auf ihren Gepäckträgern sogar Sperrgut, große Blumen und hungrige Freundinnen. Dünne Mädchen auf dünnen Rennrädern rauschen über die gebogenen Brücken, vorbei an schrottreifen Mühlen mit verbogenen Felgen.

Da wollen wir mitmachen und buchen zwei Plätze bei Mike’s Bike Tours, zahlen 44 € für zwei Räder und ein paar unterhaltsame Stunden. Die gebuchte City Tour beginnt in der Kerkstraat. Wir sind insgesamt sechzehn Leute aus Amerika, England, Australien und wir beide aus Deutschland. Zwei kleine Frauen kommen aus Singapur. Radfahren können sie nicht, sagen sie und kichern eine Weile. Hihihi. Sie trauen sich aufs Fahrrad, das erste Mal in ihrem Leben. Sie lernen das jetzt und hier, in Amsterdam und ohne Stützräder. Sie tragen keine Helme auf den Köpfen, aber Stöckelschuhe an den kleinen Füßen. Ich ahne, dass sie uns in Schwierigkeiten bringen werden.

LSD im Vondelpark

Mike ist heute nicht bei uns. Vielleicht existiert Mike nicht, vielleicht ist Mike nur eine Marketing-Erfindung, weil sich Mike so schön auf Bike reimt. Unser Tourguide heißt Jeff, er empfiehlt uns, LSD zu kaufen und es im Vondelpark zu essen: «Aber lasst eure Portemonnaies zu Hause!», warnt er.

Bevor wir losfahren, erklärt er uns schnell die Regeln, die auf den Straßen von Amsterdam gelten: Es gilt kein stumpfes «rechts vor links», sondern es gilt, den Flow nicht zu stören. Das sei wichtig, setzt bei den Radlern aber voraus, dass sie sich in die Augen schauen, mitdenken und vorausschauend fahren und wissen, was an der nächsten Kreuzung passieren wird. Sie müssen ein gutes Gespür für den Verkehrsfluss entwickeln, bis sie einschätzen können, in welchen Situationen sie beschleunigen sollten und in welchen lieber nicht. Blinken geht mit den Armen: links raushalten, rechts raushalten. «Aber nicht so», sagt Jeff und streckt den Arm schräg in die Luft. Hitler lässt grüßen.

Am Abend kann dann aber jeder reingucken.

Nach der knappen Einweisung sind wir plötzlich mittendrin im Stadtverkehr. Die Sonne scheint, unsere Wimpern werfen lange Schatten. Es ist schön, den Fahrtwind und das warme Sonnenlicht auf der Haut zu spüren. Für die einheimischen Radfahrer dürften Touristen auf ihren Leihrädern allerdings der blanke Horror sein: Sie haben kein Gespür für den Flow und bringen ihn völlig durcheinander. Anstatt beherzt in die Pedale zu treten, bremsen sie ab und stehen unsicher im Weg und verstopfen die Straßen – so machen es auch die beiden winzigen Frauen aus Singapur. Und sie rammen ein Auto, eine Schwangere, andere Radfahrer. Wenn es über Brücken geht, beschleunigen sie nicht, sondern bleiben einfach stehen. Kippen um. Und dann kichern sie wieder: Hihihi.

Irgendwann halten wir auf der Torensluis-Brücke, die die Singel-Gracht überspannt und Amsterdams breiteste und älteste Brücke ist. Jeff erzählt, was er über Amsterdam auswendig gelernt hat. Das erzählt er mehrmals die Woche. Immer mit den gleichen Witzen, den gleichen Pointen. Doch dann regt sich Jeff spontan über einen Texaner auf, der an die Bibel glaubt – für Jeff nichts als fucking fiction, deshalb kann er’s nicht lassen, ein paar Witze über dieses magere Herrchen am Kreuz zu reißen.

Yeti befördert mich vorbei an kleinen Läden, großen Menschenmengen, vorbei Coffee-Shops, die nach Entspannung riechen

Ich glaube auch nicht an Jesus – aber an Yeti. So heißt mein Fahrrad, sein Name steht auf dem vorderen Schutzblech. Yeti befördert mich durch die Stadt, vorbei an Coffee-Shops, die nach Entspannung riechen, vorbei an kleinen Läden und großen Menschenmengen. Links und rechts fahren andere Fahrräder, überholen und klingeln sich den Weg frei. Meine Gangschaltung hakt, die Bremsen quietschen. Vor mir laufen Touristen in hässlichen Sandalen. Neben mir fährt Tim aus England. Er hat einen schwarzen Lederhut auf dem Kopf, eine langweilige Brille auf der Nase und einen lockigen Bart im Gesicht. Seine Frau Jamie trägt einen faltigen Rucksack auf dem dem Rücken und darin die ganze Unschuld, die sie finden konnte. Hinter mir streiten Jeff und der Texaner; vor mir fahren die beiden Mädchen aus Singapur in Schlangenlinien die Straße entlang. Wir sind schon eine sonderbare Truppe.

Unsere Tour endet am späten Nachmittag an einer alte Windmühle, die nicht weit vom Stadtzentrum entfernt liegt. Hier, an der Molen de Gooyer, trinken wir Bier und essen Käsewürfel. Jeff lässt sich ein paar Getränke ausgeben, die er gierig leert. Im Gegenzug versorgt er uns mit Tipps zum Drogenkauf. Tim schreibt eifrig mit. Hihihi.


Passiert ist das im Spätsommer 2014. Wir haben viel von der Stadt gesehen und uns ein bisschen heimisch gefühlt. Die Autofahrer in Amsterdam sind natürlich die vielen Räder gewohnt – und respektieren sie. Ich hatte nicht die Angst, dass mich jeder zweite PKW von der Straße rammt, anders als in Deutschland.

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