Pantheon: Du altes Rauchloch!

Durchs Kuppelloch scheint die Sonne (und kacken Tauben).

Rom im Hochsommer, es ist das Jahr 2007. Wir sind hier und haben doch keine Ahnung: von der Geschichte, von irgendwas. Laufen quer durch die Stadt und klappern die Attraktionen ab: Colosseum, Vatikan – und das Pantheon.

Der Frühstücksraum ist winzig. Ich schmiere mir ein paar Brötchen für unterwegs, was eigentlich verboten ist. Aber die Aufpasserin passt heute nicht gut auf; sie steht hinterm Vorhang und telefoniert heimlich mit ihrem Liebhaber. Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg zum Pantheon. Das antike Bauwerk sei «sehr beeindruckend», schreibt der Reiseführer. Ich bin skeptisch, aber für Widerstand zu müde. Also überqueren mein Reisebegleiter et moi1 mehrspurige Straßen – manche Autofahrer bremsen sogar für uns. Ich spüre die gefährliche Hitze der Motoren, diesen heißen Hauch des Todes. Fühlt sich gut an.

  1. Es ist der 19. Juni 2007. Angereist sind wir mit dem Billigflieger, gelandet auf einem ausgedachten Flughafen im Nirgendwo. Flug und Hotel: alles günstig. Eines Tages will ich so anreisen wie Harrison Ford im Film Frantic. (Der spielt in Paris.)

Wir stehen im Pantheon. «Ein Zylinder mit aufliegender Kuppel», lese ich aus dem Reiseführer vor. «Worte vermögen nicht zu beschreiben, wie schön das hier ist», säuselt ein älterer Herr verträumt. Seine Augen funkeln. Ich finde immerhin die Bodenplatten aus Marmor interessant.

Du Rauchloch! Du Kuppelauge!

Alle anderen Besucher starren in das neun Meter breite Loch in der Decke über unseren Köpfen. Das ist das Opaion, oder auch Rauchloch oder Kuppelauge genannt. Weißes Sonnenlicht fällt ins Innere, alles ist erleuchtet; langsam nervt das. Oben sitzt eine misanthropische Taube und kackt durchs Opaion und den Leuten ins Gesicht. Iiiiiih, schreien sie und es bricht eine milde Panik aus. Alles ist scheiße.

Ob jemand mit einem Taschentuch aushelfen könne. Ich habe zwar eine Tempo-Packung bei mir, wie immer, aber ich will sie mit niemandem teilen. Es kann doch sein, dass ich die selbst noch brauche. Zum Beispiel, wenn mir jemand die Nase bricht: Dann muss ich mein Blut aufwischen.

Die Welt ist ein unfaires, kaltes Chaos

«Sorry, yes?», unterbricht plötzlich jemand. Neben mir stehen zwei kleine Nonnen. Sie wollen, dass ich ihren Camcorder der Marke SONY repariere. «Yes, please», bestätigen sie. Ich bleibe höflich und verweise entschuldigend auf fehlende Fähigkeiten und fehlendes Werkzeug. Ich hoffe auf Verständnis und gebe den beiden Frauen ihren Camcorder wieder zurück. Sie hatten ihn mir energisch in die Hand gedrückt, als wäre sein defekter Zustand meine Schuld. Die Nonnen sind sichtlich enttäuscht von meiner Unfähigkeit. Ich habe ihnen jeden Glauben an mich (und Gott) genommen. Die Welt ist eben ein unfaires, kaltes Chaos. «Sorry», lüge ich. «Have a nice day!»

Es ist tragisch, denn die beiden Frauen können sich das Pantheon nur noch angucken. Doch welchen Sinn hat das schon, wenn es später keine Beweise für ihren Besuch gibt? Welchen Sinn hat das Reisen, wenn es keine Filme und Fotos zu zeigen gibt? Keinen, beschließen die beiden Nonnen und verlassen das Pantheon schnellen Schrittes. Sie wollen einen Elektronikfachhandel aufsuchen, um ein gleichwertiges Ersatzgerät zu erwerben. Doch draußen überfährt sie eine Vespa. Gott ist beleidigt. Ob jemand als Ersthelfer aushelfen könne. Die Bodenplatten finde ich wirklich interessant!

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