Neue Ferne

Texte über Touristen

Im Landeanflug

Im Landeanflug

Bevor wir eine neue Stadt erkunden, sehen wir sie von oben: Wenn das Flugzeug über den Häusern in den Sinkflug geht. Auch am Anfang dieses Reiseblogs steht der Landeanflug.

Die Maschine dringt von oben in die Wolkendecke ein, taucht hinein in ein endloses Weiß, das unser Flugzeug wie Zuckerwatte umhüllt. Minuten vergehen, ohne dass der Boden auftaucht. Das Brummen der Triebwerke liegt schwer in den Ohren und übertönt die leisen Gespräche neben mir – nicht aber das kreischende Baby in der ersten Reihe.

Hinter mir sitzen drei Männer, von denen einer den Abflug verzögert hat. In seinem Rucksack befand sich nämlich ein Messer; ein ordentliches Messer, kein Spielzeug. Die Polizei attestierte dem Mann eine Ordnungswidrigkeit, während wir Passagiere im Flugzeug ausharrten und warteten, bis die Bürokratie erledigt war. Die drei Männer tranken ein Bier nach dem anderen und fanden das ziemlich lustig.

Das Brummen der Triebwerke liegt schwer in den Ohren und übertönt die leisen Gespräche neben mir

Ganz plötzlich ist der dunkle Asphalt der Landebahn zu sehen, offenbar zu plötzlich, denn der Pilot lässt die Maschine mit voller Kraft voraus über die Landebahn rauschen. Wir werden in die Sitze gedrückt, gewinnen an Höhe und verschwinden wieder im dichten Nebel.

Unter den Passagieren macht sich leichte Unsicherheit breit. Neben mir tauschen sie sich aufgeregt aus. Meine Sitznachbarn haben voreilig die Schwimmwesten aus dem Zellophan gerissen und gleich aufgepustet, obwohl die laminierten Sicherheitshinweise erklären, wie es geht: Schwimmwesten werden erst im Meer aufgepustet, wenn die Haie schon mal geknabbert haben – keinen Augenblick vorher. Sie sehen jetzt ziemlich dämlich aus, meine Sitznachbarn in ihren Schwimmwesten. Ich habe sie zu hassen gelernt, als sie nach dem Start sofort einschliefen und den Weg mit ihre schweren Beinen zur Toilette versperrten. Laut geschnarcht haben sie auch.

Wenn es das Flugzeug jetzt zerlegen würde – es wär mir ein bisschen egal

Der Pilot kreist einige Male über der Stadt und rührt den dicken Nebel ordentlich um, bis er schön cremig ist. Dann wagt er einen zweiten Versuch. Wenn es das Flugzeug jetzt zerlegen würde, es wär mir ein bisschen egal.

Das Flugzeug sinkt wieder, nähert sich der Erdkruste, die abermals sehr plötzlich auftaucht, dieses Mal aber niemanden überrascht. Hart setzt die Maschine auf, kracht auf den Asphalt, reibt Gummi in die raue Oberfläche. Nachdem der zweite Landeversuch nicht in einer Katastrophe endete, klatschen die Passagiere Beifall wie sonst bei einem Charterflug nach Mallorca. Besonders enthusiastisch applaudieren die drei Männer hinter mir und lassen sich vom Steward die restlichen Bierdosen auch noch geben. Mir gefällt der Gedanken, sie nie wieder zu sehen.


In diesem Blog veröffentliche ich Reisenotizen, Geschichten und Texte über Touristen. Als Quelle dienen mir auch meine Moleskine-Notizbücher, in die ich meine Gedanken in teils unleserlicher Schrift festhielt. Etwaige Lücken füllt meine Fantasie. Ergänzend zu diesem Blog gibt es einen Instagram-Account, auf dem ich Bilder von nah und fern poste. Lasst mir einen Like da!